Ueber Ehe und Zoelibat
Seit einiger Zeit verfolge
ich mit grossem Interesse die Diskussion ueber den Zoelibat und das verheiratete
Priestertum in den verschiedenen Medien. Wenn man sich die diversen Ueberlegungen
sachlich - logisch durchueberlegt, so muss man zu dem Schluss kommen,
dass sowohl die Argumente fuer ein verheiratetes Priestertum als auch
die vielen Argumente dagegen oft eher fehlerhaft und schlecht durchdacht
sind.
Das erste Argument, welches uns lautstark entgegengeworfen wird, ist der
Priestermangel: "Liesse man doch ein verheiratetes Priestertum zu, so
haetten wir genuegend Priester in den Pfarren." Wohl ist es wahrscheinlich,
dass es einen kleinen "Ansturm" auf das Priesteramt geben wuerde, dieser
bliebe aber wirklich klein und waere wahrscheinlich auch kurzlebig. Wir
wissen ja, dass die Loesung eines jeden Problems in der zugrundeliegenden
Ursache liegt. Die Ursache des bestehenden Priestermangels liegt nicht
im Zoelibat, auch nicht in einem Mangel an Berufungen. Gott schenkt immer
genug Berufungen, sonst waere Er ja kein guter Gott. Das Problem liegt
darin, dass die gegebenen Berufungen nicht erkannt werden, bzw. erkannt
und dann durch welche Umstaende auch immer begraben werden. Ein verheiratetes
Priestertum kann das Problem des Priestermangels nun sicherlich nicht
loesen, denn die Berufung zur Ehe leidet an einer aehnlichen, wenn nicht
an der gleichen Krise wie die Berufung zur Ehelosigkeit. Man schaue sich
dazu nur die Statistik der Ehescheidungen und der diversen Missbraeuche
an: Dieses Schicksal wird dem Priestertum nicht erspart bleiben, und dazu
gesellen sich als Konsequenzen Suspendierungen und Laisierungen, und die
Folgen fuer die Gemeinde der Glaeubigen sind erst gar nicht abzuschaetzen.
Daraus folgt nun der Fehler des zweiten Argumentes:
"Was versteht ein unverheirateter Priester denn schon von der Ehe? Viel
lieber wuerde ich mit einem verheirateten Priester ueber diese Dinge reden.
Der versteht das ja besser." - Kann sein, muss aber nicht. Wer von uns
ginge denn schon zu einem verheirateten Priester um Rat, von dem bekannt
ist, er misshandle seine Familie, oder er sei ob seiner ehelichen Probleme
zum Alkoholiker geworden? Andererseits, wer von uns ginge nicht zu einem
zoelibataeren Priester, der im Rufe der Heiligkeit lebt und von dem bekannt
ist, er gaebe guten Rat? Was hier klargestellt werden soll ist folgendes:
Nur weil ein Priester verheiratet ist, heisst das noch lange nicht, dass
er guten Rat in Eheangelegenheiten geben kann, und wenn ein Priester zoelibataer
lebt, ergibt sich nicht eine automatische Unfaehigkeit guten Rat zu geben.
Im uebrigen verhaelt es sich ja so, dass der Mensch die geistige Faehigkeit
besitzt, sowohl spekulativ als auch abstrakt zu denken. Diese Tatsache
ermoeglicht es uns zum Beispiel, alle die schrecklichen Konsequenzen eines
Frontalzusammenstosses zu verstehen, ohne es auch selber zu erleben. Jeden
Tag machen wir hunderte kleine Entscheidungen, die nicht auf direkter
und persoenlicher Erfahrung basieren, sondern auf geistiger Spekulation
und Abstraktion. Wenn jemand zum Psychiater oder Psychologen geht, ist
es relevant ob dieser verheiratet ist oder nicht? - Nein. Relevant ist,
dass er weiss, was er macht. Deswegen verbringt er so viele lange Jahre
bei hartem Studium.
Ein weiteres, vor allem in Nordamerika grossgeschriebenes Argument besagt,
es gaebe weniger von Priestern begangene Misshandlungen welcher Art auch
immer. Auch diese Aussage haelt einer genaueren Untersuchung nicht stand.
Noch nirgends in einer serioesen Publikation stiess ich auf die Aussage,
der Zoelibat sei Ursache von Misshandlungen. Vielmehr wird uns gesagt,
die Ursachen liegen in der fruehen Kindheit und der Umgebung, in der man
aufwaechst. Wenn man nun einem potentiellen Kindesmisshandler sagt, er
solle doch heiraten, so laesst man ihn auf Unschuldige los und gibt ihm
noch dazu einen Deckmantel. Man hoert es ja leider zu oft: "Koennten sie
doch heiraten, gaebe es nicht so viele Kindesmisshandlungen..." Die logische
Schlussfolgerung einer solchen Aussage ist, man soll Kindesschaendern
Frauen geben. Eine solche Mentalitaet ist erschreckend und entwuerdigt
eigentlich Ehe, Zoelibat, und vor allem die Frau. Im uebrigen zeigt die
Statistik, dass Missbrauch unter Verheirateten ungefaehr genauso haeufig
ist wie unter Unverheirateten. Es ist nur leichter alles zu vertuschen
wenn man a) kein Priester ist, oder/und b) wenn man verheiratet ist.
Schliesslich und endlich hat die ganze Sache auch noch eine materielle
Seite, die nur allzu oft verdraengt wird: Die Infrastruktur der roem.-katholischen
Kirche ist kaum einem verheirateten Priestertum gewachsen. Wo jetzt nur
ein einzelner kranken- und sozialversichert ist, muesste eine ganze Familie
mitversichert werden. Wo ein Priestergehalt fuer einen einzelnen wohl
genuegt (in manchen westlichen Laendern und Dioezesen eigentlich kaum),
muessten familiengerechte Loehne gezahlt werden. Man liest von Umfragen,
die besagen, dass z.B. in England 80 % der Glaeubigen fuer ein verheiratetes
Priestertum sind. So eine Umfrage muesste gleichzeitig die Frage beinhalten,
ob die Glaeubigen auch bereit seien, die Rechnung zu bezahlen. Das hiesse
fuer den Durchschnittsspender ungefaehr eine Kostenverdreifachung. Die
Hl. Schrift schlaegt im uebrigen den zehnten Teil des Einkommens eines
jeden Glaeubigen mehr als nur vor.
Man koennte nun sagen, dieser Artikel sei gegen ein verheiratetes Priestertum
gerichtet. Ganz im Gegenteil: Er soll nur eine Anschauung des Themas aus
byzantinisch-katholischer und nicht roemischer Sicht darstellen. Er soll
auch keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der roem.-katholischen
Kirche sein. Dies waere falsch und ungerecht. Schliesslich und endlich
ist es auch den katholischen Ostkirchen nicht recht, wenn sich die roem.-katholische
Kirche in ihre Affaeren einmischt, aber so viel kann und muss gesagt werden:
Die Kirche, und damit sollen auch und vor allem die Glaeubigen angesprochen
sein, muss ihre Argumente und alle Konsequenzen sorgfaeltig ueberlegen.
Derzeit wird das verheiratete Priestertum als Loesung fuer Probleme angeboten,
dessen Ursachen ganz einfach nicht im Zoelibat liegen. Ein verheiratetes
Priestertum ist nicht besser als ein zoelibataeres, noch ist der Zoelibat
besser als die sakramentale Ehe. Beide sind notwendig und von Gott gegebene
Geschenke. Wenn Gott jemandem etwas gibt, so ist es immer das Beste und
perfekt. Gott schenkt weder, noch schafft er, minderwertige Dinge. Die
Ehe hat Gott noch im Paradies geschaffen, als Anteil am Leben der Hl.
Dreifaltigkeit. Er hat die Ehe nicht geschaffen, "weil wir sie nach dem
Suendenfall brauchen wuerden". Gott schafft nicht im Hinblick auf die
Suende, und so auch nicht die Ehe und alles, was dazugehoert. Der Zoelibat
ist auch ein Geschenk Gottes, und, obwohl intrinsisch mit der Ehe verbunden,
ist er doch nicht mit ihr vergleichbar, so wie eben Arm und Bein, obwohl
verbunden, nicht vergleichbar sind. Die Ehe ist sowohl ein Wegzeiger und
schon mystisch gelebter Anteil am Reich Gottes, als auch Vergegenwaertigung
der von Gott gewollten Schoepfungsordnung, wie es eben vor dem Suendenfall
war. So ist sie eines der wenigen Gaben, die wir aus dem Paradies mitnehmen
durften. Der Zoelibat ist Teil der "Neuen Schoepfung", welcher seinen
Sinn durch Leben, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi erhaelt und
daraus hervorgehend ebenso wie die Ehe ein Wegweiser und schon mystisch
gelebter Anteil am Gottesreich ist. Die Ehe wird damit natuerlich nicht
spirituell ueberfluessig. Ganz im Gegenteil: Durch das Opfer Christi wird
auch die Ehe zur neuen Schoepfung und erhaelt vertieften Sinn, und durch
den Zoelibat koennen wir den vollen Sinn der Ehe ueberhaupt anfangen zu
begreifen. So wie ein ungeborenes Kind keine Vorstellung von "warm" hat
oder haben kann, weil es eben nichts anderes kennt, so auch ist unser
Verstaendnis von Ehe unvollstaendig ohne dem Beispiel einer heroisch gelebten
Ehelosigkeit. Im selben Atemzug muss man natuerlich diese Aussage umdrehen:
Der Zoelibat ist sinnlos ohne dem Beispiel heroisch gelebter Ehe, "in
guten wie auch in schlechten Zeiten, in Gesundheit wie auch in Krankheit,
bis hin zum Tod", und vielleicht sogar darueber hinaus....
Der Schluss ist folgender: man kann nicht das eine als Argument gegen
das andere verwenden. Somit saegte man an dem Ast, auf dem man selber
sitzt. Sowohl Ehe als auch Zoelibat sind Berufungen, die von Gott, welcher
weiss, was fuer einen jeden einzelnen das Beste ist, gegeben werden. Die
Wahl ist daher nicht zwischen Ehe und Zoelibat, sondern fuer oder gegen
das, was Gott schon fuer uns erwaehlt hat. Das ist die Suche, und sie
ist eine all-wichtige, persoenliche Suche. Es waere falsch, ja geradezu
tragisch, fuer eine zum Zoelibat berufene Person zu heiraten oder umgekehrt,
fuer eine zur Ehe berufene Person den Zoelibat zu waehlen. Eine Person,
die sich zum Zoelibat entschlossen hat und sagt: "Ach, haette ich doch
geheiratet! Wieviel besser das doch ist!", hat entweder seine Berufung
verfehlt und somit die falsche Wahl getroffen, oder seine Berufung nicht
voll akzeptiert und verstanden. Das selbe gilt fuer eine verheiratete
Person die glaubt, besser zoelibataer leben zu koennen oder aus einer
gegebenen Ehe heraus will. Nebenher sei erwaehnt, dass man so oder so
die Konsequenzen seiner Handlungen und Entscheidungen, auch und vor allem
wenn diese falsch sind, tragen muss.
Ein weiteres Problem ist, dass wir den Zoelibat als etwas Negatives sehen,
als ein permanentes Opfer. Wenn das so waere, so waere die Kirche wirklich
in einem sehr traurigen Zustand. Aufopferung ist natuerlich ein integraler
Teil des Zoelibats. Wie wir aber aus der hl. Schrift wissen, wird jedes
Opfer, welches wir im Namen des Herrn und fuer den Herrn bringen, hundertfach
und mehr vergolten. In anderen Worten: die durch das Opfer hervorgehenden
Freuden uebersteigen bei weitem das Opfer selbst. Das muss so sein, denn
Opfer kann niemals Selbstzweck sein, sowie eben auch das Kreuzesofper
Jesu Christi nicht Selbstzweck war, sondern Mittel unserer Erloesung:
die Freude der Erloesung ueberwiegt. Die "Investition" zahlt sich also
aus. Das Eheleben ist natuerlich auch nicht ohne Opfer. Es sind andere
Opfer, aber keinesfalls leichtere. Waeren sie leicht, so wuerde es nicht
so viele Scheidungen geben. Beide, sowohl Verheiratete wie auch Unverheiratete,
geben sich in ihrer Berufung gemaess ihrem jeweiligen Lebensstand ganz
und ohne Einschraenkung dem Herrn hin (oder sollen dies zumindest). Wenn
sich Eheleute nicht ganz und vollkommen dem Herrn sowohl als Individuen
als auch als ein Fleisch hingeben koennen, dann kann ihre Einheit niemals
perfekt und ganz nach dem Willen Gottes sein. Sich fuer jemanden anderen
aufzuopfern ist das essentielle Opfer, welches in irgendeiner Form von
uns allen gefordert wird, und dieses Opfer ist Opfer fuer den Herrn, sodass
Sein Wille geschehen moege, "wie im Himmel, so auch auf Erden". Wer dies
nicht tut, riskiert seine Erloesung.
An dieser Stelle muss ich zu einem Artikel in Nr. 5/95 von "VISION 2000"
mit dem Titel "Die eheliche Liebe war meine Hauptaufgabe", von Ronald
Wall, Stellung nehmen: Der zweite Absatz liest sich wie folgt: "Der Anspruch
auf vollstaendige Selbsthingabe bei beiden Sakramenten (Ehe und Priestertum)
ruft ernste Probleme hervor, wenn ein und der selbe Mann den Versuch unternimmt,
den Anforderungen beider Sakramente gleichzeitig zu entsprechen. Da spuert
er, dass er versucht, zwei Herrn zu dienen, oder auch zwei Frauen grenzenlose
Liebe zu schenken." - Ausser dass dieser Artikel, ohne es zu beabsichtigen,
die katholische Kirche mit der roemisch-katholischen Kirche, ihren Traditionen
und Gesetzen gleichsetzt und somit die Existenz und Legitimitaet der katholischen
Ostkirchen in Frage stellt, impliziert obige Aussage, dass tausende verheiratete
Priester der ukrainisch griechisch-katholischen Kirche, welche unter dem
Sowjetregime mit ihren Familien um Christi Willen dahingeschlachtet wurden,
ihre Berufungen verfehlt haben. Ist im uebrigen nicht der Herr des Priestertums
der selbe wie der Herr der Ehe? Und wenn man in der Ehe einem anderen
Herrn dient wie im Priestertum, wer ist dieser zweite Herr?... In der
Ostkirche ist die Berufung zum verheirateten Priestertum eine einzige
Berufung, nicht zwei. Es sind zwei Sakramente. Daraus folgen aber nicht
unbedingt zwei Berufungen. Eucharistie und Busse sind auch nicht zwei
verschiedene Berufungen. Mann und Frau sind in der Ehe eins. Im Falle
des verheirateten Priestertums ist Ehe sowohl priesterlicher Dienst an
der gesamten Kirche, als auch Teil der priesterlichen Pflicht, denn es
ist eine einzige Berufung, und sie ist nicht trennbar. Die Berufung meines
Mitbruders Ronald Wall ist eine andere. Keine bessere, und keine schlechtere.
Es ist der Weg, den Gott fuer ihn erwaehlt hat, der beste Weg fuer ihn,
und er hat es erkannt. Man kann aber seine persoenliche Berufung nicht
verallgemeinern und fuer alle gueltig machen.
Aber zurueck zu unserer Anschauung des Zoelibats: In der heutigen Zeit
wird die sexuelle Abstinenz als Hauptopfer des Zoelibats gesehen. Dies
ist eine sehr gefaehrliche Anschauung. Wir sagen - richtigerweise - der
Priester lebt ein Leben der Keuschheit. Daraus geht unter anderem hervor,
dass der zoelibataerer Priester in absoluter Abstinenz lebt. Was nun aber
haeufig passiert, ist, dass beide Aussagen so miteinander vermischt werden,
dass sich folgender Schluss ergibt: Zoelibat = Keuschheit = sexuelle Abstinenz.
Folgt man diesem Gedankengang, so muss man auch sagen: Ehe = Sex = Unkeuschheit.
Das kann nicht stimmen. Natuerlich ist es richtig, dass jemand, der zoelibataer
lebt, eben sexuell abstinent bleiben soll, und tut er das nicht, so ist
er unkeusch und lebt in Suende. Daraus geht aber nicht hervor, dass Abstinenz
und Keuschheit gleichzusetzen sind. Ein Ehepartner der den anderen Ehepartner
grundlos und allzu lange sexuell ablehnt, ist genauso unkeusch und suendhaft.
Die Sache verhaelt sich naemlich so: Keuschheit ist fuer jedermann und
immer gueltig, nicht nur fuer die Unverheirateten, und Keuschheit heisst
nicht unbedingt und immer Abstinenz. Es heisst das fuer die, die eben
nicht oder noch nicht verheiratet sind. Im Ende sind Keuschheit und Reinheit
mit Heiligkeit gleichzusetzen, und die Grundlage dessen liegt im Herzen:
"Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen." Keuschheit
heisst kindliche Treue zum Herrn und Vertrauen in Ihn, vor allem in dem,
was er uns schenkt: unsere Berufungen.
Abschliessend ist folgendes zu bemerken: Bevor wir ueberhaupt anfangen,
ueber ein verheiratetes Priestertum zu reden, muessen wir Verstaendnis
von Ehe, Priestertum und Zoelibat genau ueberpruefen, und die Bedeutung
aller drei fuer unsere Errettung erkennen. Es schwirren so viele falsche
Konzepte herum, dass man wirklich kaum sagen kann, wir seien bereit. Beweis
dieser Tatsache ist der traurige Zustand der Familie, was die meisten
Familien ja gar nicht erst eingestehen wollen: Abtreibung, Euthanasie,
Scheidung, kuenstliche Empfaengnisverhuetung (im Gegensatz zur natuerlichen
Familienplanung), diverse Missbraeuche, u.v.m. Alle diese Probleme fallen
zurueck auf die Familie, und somit auf die Ehe. Das ist die wirkliche
Krise. Das ist das gegenwaertige Problem, und ein verheiratetes Priestertum
wird es auch nicht loesen, vor allem nicht deswegen, weil es verheiratet
ist... Was aber die Berufung betrifft, ist es, glaube ich, keine Uebertreibung
zu sagen, dass wir nicht mit goettlichen Geschenken handeln koennen wie
auf einem Flohmarkt, ohne dass uns die Enormitaet der Konsequenzen ueberwaeltigt.
Sind wir bereit, dieses Kreuz tragen?
Nikolaj Hornykewycz, Seelsorger
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