Liebet
eure Feinde...
"Aber euch,
die ihr hört, sage ich: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die
euch hassen. Segnet, die euch fluchen, und betet für die, welche
euch verleumden... Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun,
so sollt auch ihr ihnen tun." (Lk 6, 27 ff)
Eigentlich unerhört, was da von uns verlangt wird! Im Alten Testament
galt ein "gesunder Feindeshaß" fast als Pflicht, vorausgesetzt,
er war begründet. Sogar in unserer Gesellschaft gilt, wenn nicht
in Worten, dann doch in Taten, der Grundsatz "Aug um Aug, Zahn um Zahn".
Wir Christen bekennen uns natürlich zu denen, die ihre Feinde lieben.
Tun wir das jedoch wirklich? Lieben ist ja eine aktive Handlung die
immer nach einem Objekt, welches die Liebe auch empfängt, verlangt.
Oft reden wir uns auch ein, wir hätten keine Feinde. "Aber hätten
wir sie, wir würden sie lieben". Ist dem wirklich so?
Feinde haben wir alle. Es sind zuersteinmal diejenigen, die wir subjektiv
als unsympatisch empfinden, die, denen wir neidig sind, und die, die
uns "auf die Nerven gehen". Es sind die, über die wir schlecht
denken und reden, die wir, ohne sie oft eigentlich zu kennen, verleumden.
"Feinde" sind also nicht nur die, die uns objektiv Böses antun,
sondern zuerst schon jene, die wir durch unser Denken und Tun in unseren
Herzen zu Feinden machen.
Wir fragen uns nun zurecht, wie wir uns von derartigen Gedankengängen
befreien können, oder wie wir es zusammenbringen sollen, keinen
Groll gegen jene zu hegen, die uns objektiv nicht wohlgesinnt sind.
Es ist auch nicht einfach, aber es ist möglich. Nicht nur ist es
möglich, sondern auch notwendig.
Der Schlüssel zur wahren Liebe und damit zur Erlösung ist
die Vergebung. Im Gebet des Herrn beten wir "...Und vergib uns unsere
Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Meistens sehen wir
diesen Satz als aus zwei verschiedenen Gedanken bestehend. Es ist jedoch
eine Einheit: Vergeben und vergeben werden. Das eine ist ohne dem anderen
nicht möglich. Zu beiden gehört eine Demut des Herzens: Daß
wir die Notwendigkeit erkennen, vergeben zu werden und den Mut aufbringen,
auch um Vergebung zu bitten. Nur so lernen wir auch, selbst zu vergeben.
Dann erfahren wir und haben Anteil an der Barmherzigkeit Gottes: im
Bekenntniss unserer Verfehlungen.
"Wie ihr wollt, daß euch die Leute tun, so sollt auch ihr ihnen
tun". (Lk 6, 31) Nächstenliebe, vorallem im Sinne von Feindesliebe,
wird zum dringlichen Gesetz, zur Bedingung, wenn man so sagen darf,
unserer eigenen Vergebung und Erlösung.
Seine Feinde zu lieben: das ist kein Rat, das ist ein Gebot des neuen
Gesetzes. Wie schwer es uns fällt! Jedoch wie sehr ist es doch
das Kennzeichen des wahren Christen. Wir müssen unsere Feinde lieben
nicht nur, wie wir uns selbst lieben, sondern wie Gott sie liebt. Gott
kann nicht hassen, Er kann nur lieben. Dem göttlichen Vorbild folgend
darf sich unser Herz nicht verschließen, sondern muß sich
nach göttlichem Maß der Welt erweitern.
Die Feindesliebe entwaffnet uns vor dem Haß. Wir werden unendlich
verwundbar, aber doch unbesiegbar, denn die Liebe ist es, die über
die Welt triumphieren wird!
|